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Summe kunftiger Kirchenmusik

Summe kunftiger Kirchenmusik

 

Ton Koopman und sein Amsterdam Baroque Orchestra & Choir beenden in St. Thomas das Bachfest 2014 

Von Peter Korfmacher
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Nein, wahrscheinlich hat Ton Koopman, der in diesem Jahr die ehrenvolle Aufgabe übernahm, das Bachfest in der Thomaskirche mit der traditionellen h-moll-Messe zu beenden, dieses Opus summum der Kirchenmusik nicht von Carl Philipp Emanuel aus aufgerollt. Auch wenn das Festival unter dem Motto „Die wahre Art“ seinem Andenken gewidmet war. Aber die wiederholte Beschäftigung mit dem Schaffen des Zweit-ältesten Bach-Sohnes hat ganz offenkundig auch beim Publikum die Wahrnehmung verändert – kein schlechtes Ergebnis für ein Musikfest.

Sie klingt anders, diese h-moll-Messe mit Barock-Orchester und –Chor aus Amsterdam, von den ersten Tönen an. Bereits die ersten vier Takte, dieser ausmusizierte Doppelpunkt, die Bitte „Herr, erbarme Dich“ klingt – ja: empfindsam. Nicht, weil Koopman Vater Bach in die neue zeit zu schubsen versuchte, sondern weil er, wie er da zuerst die Akkorde horizontal aufbricht und dann daraus flüssig das Largo entwickelt, eine neue Perspektive eröffnet.

Mit dem vertraut weichen, dabei hellen und klaren Klang seines Orchesters, mit seinem 25-köpfigen Chor lädt er die Linien, die sich bisweilen doch recht streng umranken, mit Ausdruck auf, mit Bedeutung, mit Emotion. Mit dem romantischen Pathos vergangener Jahrzehnte hat das nichts zu tun. Da sind schon die durchweg ziemlich bis sehr flotten Tempi vor. Aber es erinnert eben auch in nichts mehr an die trockenen Exerzitien früherer Originalklang-Jahre. Denn die Klarheit der Strukturen ist längst aufnahmefähig geworden für die Schönheit musikalischer Entwicklung, die nicht aus Dogmen erwächst, sondern aus Lebendigkeit.

So bebt und atmet es auch in dieser h-moll-Messe fortwährend unter der Oberfläche. Weil Koopman dynamisch immer neue Herrlichkeiten nach vorn holt. So reich und eigenständig die Linien gerade der Chöre im alten Stil sich entwickeln, so eigenständig behandelt der Niederländer sie auch dynamisch. Dergestalt gesellt sich zur Polyphonie der Töne auch eine der Kraft. Und der Farben. Und der Empfindungen.

Eine ähnliche Wirkung, wenngleich mit anderen mitteln, erzielen die Arien. Hier lässt Koopman, von der Continuo-Orgel aus die Fäden dennoch streng in Händen haltend, nicht nur den Gesangsstimmen, sonders auch den obligaten Solo-Instrumenten gewisse Freiheiten im Tempo. Das ermöglicht in Sätzen wie dem „Laudamus te“ im Zwiegespräch zwischen Yetzabel Arias Fernandez’ leuchtendem Sopran und der silbrig glänzenden Solo-Violine Catherine Mansons eine beglückend natürliche Zartheit, wozu der Continuo-Magier Koopmann eigene Fäden spinnt, die bisweilen, im „Agnus Dei“ etwa, eigene melodische Kraft entwickeln.

Derlei kann nur funktionieren, wenn unentwegt jeder auf jede hört. Denn die Freiheiten, die Koopman gewährt, können ihre Wirkungsmacht nur dann entfalten, wenn sie herausleuchten aus einem Umfeld größtmöglicher Transparenz und Homogenität.

Wie es der Amsterdam Baroque Choir in vollendeter Schönheit anbietet, und dabei mühelos den riesigen Raum füllt. Sei es in virtuos auftrumpfenden Sätzen wie dem „Cum Sancto Spirito“, sei es in den beseelten Koloraturen von „Et in terra pax“ oder dem berührend ermatenden „passus et sepultus est“ – gestorben und begraben.

Yetzabel Arias Fernandez’ wunderbare Sopran, der so fein gestaltende wie kraftvoll aussingende Tenor Tilman Lichdis, Klaus Mertens’ markanter und schlackenloser Bass fügen sich nahtlos ein in Koopmans sulbime Ästhetik. Einzig der nach oben hin immer stärker verengende Counter Maarten Engeltjes passt nicht recht ins Bild.

Was nichts daran ändert, dass diese rückhaltlos bejubelte h-moll-Messe ein letzter Höhepunkte eines auch sonst sehr wohlgeratenen Bachfestes ist. Auch und gerade mit Blick auf das Motto von der „wahren Art“ und Carl Philipp Emanuel. Denn ganz gleich, ob Koopman dies im Sinn gehabt haben mg oder nicht: Er hat sinnlich erfahrbar gemacht, woher all das kommt, mit dem der Sohn der Musik den Weg in die Zukunft wies: vom Vater, dessen h-moll-Messe nicht nur die Summe der Kirchenmusik vor ihm zieht, sondern auch die der kommenden.